Die St. Ursula Schützenbruderschaft blickt auf eine lange und traditionsreiche Geschichte zurück, die im Jahr 2003 mit dem 350-jährigen Bestehen ein bedeutendes Jubiläum erreichte. Ihre Wurzeln reichen jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück.
Ursprünglich entwickelte sich die Bruderschaft aus der „Bruderschaft der adeligen Familienmitglieder“, der sogenannten Fraternitas nobilium. Der lateinische Begriff bedeutet „Bruderschaft der Edlen“ und bezeichnete einen Zusammenschluss adliger Personen, die sich aus religiösen und sozialen Motiven organisierten. Ziel solcher Gemeinschaften war vor allem die Pflege des Totengedenkens, die gegenseitige Unterstützung sowie die Stiftung von Messen für verstorbene Mitglieder.
Diese frühe Bruderschaft wurde von Johann von Lintzenich gegründet, der in den Jahren von 1478 bis 1514 mit Haus und Gut Dürboslar vom Erzstift Köln belehnt war. Ein genaues Gründungsdatum ist nicht überliefert. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass auch die Belehnten des Junkerhofs und des Biemerhofs zu den Mitgliedern gehörten.
Die Hauptaufgabe dieser frühen Gemeinschaft bestand darin, das Andenken an Verstorbene zu bewahren. Vierteljährlich musste eine Messe gelesen werden. Zudem waren die Mitglieder verpflichtet, Priester und Diener zu entlohnen sowie sechs Kerzen zu stellen – zwei auf dem Altar und vier auf dem Grab. Zur Finanzierung erhielt die Bruderschaft eine Stiftung von sechs Morgen Land. Überschüsse aus dieser Stiftung mussten an Bedürftige verteilt werden.
Während im 13. und 14. Jahrhundert viele Bruderschaften auch Schutz- und Verteidigungsaufgaben übernahmen, verzichtete die „Bruderschaft der adeligen Familienmitglieder“ bewusst auf solche militärischen Funktionen und konzentrierte sich ausschließlich auf religiöse und soziale Zwecke.
Im Jahr 1653 entwickelte der damalige Burgherr Johann Wilhelm Hoen von Cartils diese Familienbruderschaft entscheidend weiter. Er öffnete sie für alle Gemeindemitglieder und verband sie mit einem sogenannten „Schützen-Spiel“. Damit entstand die eigentliche St. Ursula Schützenbruderschaft.
Zu den wichtigsten Statuten dieser Neugründung gehörte die Verpflichtung des Gründers, einen silbernen Vogel mit angehängtem Wappen zu stiften, der noch heute an der Königskette erhalten ist. Außerdem erhielt die Bruderschaft drei Morgen Land, die jeweils dem amtierenden Schützenkönig steuerfrei überlassen wurden. Dieser sollte das Land bewirtschaften und damit die Kosten seiner Regentschaft decken.
Eine zentrale Aufgabe der Bruderschaft war fortan die Begleitung und Sicherung der Fronleichnamsprozession – eine besonders wichtige Funktion in den unruhigen Zeiten nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Große Bedeutung wurde der religiösen Pflicht beigemessen: Mitglieder, die nicht andächtig an Messe und Prozession teilnahmen, mussten mit hohen Strafen rechnen. Ebenso war die Teilnahme an der Messe zum Fest der heiligen Ursula verpflichtend. Beim Tod eines Schützenbruders oder dessen Ehefrau nahmen alle Mitglieder an Messe und Begräbnis teil, was belegt, dass Frauen von Anfang an zur Gemeinschaft gehörten.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil war der Vogelschuss, der traditionell am Dreifaltigkeitstag stattfand und an dem jeder Schützenbruder teilnehmen musste. Jeder König war zudem verpflichtet, eine Plakette für die Königskette zu stiften.
Im Jahr 1830 wurde eine inhaltlich überarbeitete Satzung beschlossen. Trotz aller Veränderungen blieb der Vogelschuss das zentrale Ereignis der Bruderschaft. Die Namen der meisten Könige sind seit der Gründung überliefert; lediglich in Zeiten von Kriegen, Epidemien oder Naturkatastrophen wurde kein König ermittelt.
Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers gerieten Kirchen und kirchliche Verbände zunehmend unter Druck. Im Jahr 1937 wurde Ludgerus Römer der letzte Schützenkönig vor dem Zweiten Weltkrieg. Damit schien nach 284 Jahren das Ende der Bruderschaft gekommen zu sein. Die materiellen Verluste waren erheblich: Die Fahne verschwand, der Schießstand wurde zerstört, und Waffen sowie Festzugsutensilien gingen verloren.
Nach dem Krieg gab es erste Versuche zur Wiederbelebung. 1948 initiierten Pfarrer Heinrich Vieth, Brudermeister Jakob Meurer und Geschäftsführer Johann Leufen einen Neustart, der jedoch zunächst scheiterte. Erst 1951 gelang unter Pfarrer Konrad Weißweiler, der auch Präses der Bruderschaft wurde, der Wiederaufbau.
Am 5. August 1951 ließen sich im Saal Sevenich 60 Mitglieder registrieren und ein neuer Vorstand wurde gewählt. Dies markierte den erfolgreichen Neuanfang der Bruderschaft nach den schweren Kriegsjahren. Der erste Vogelschuss nach dem Zweiten Weltkrieg fand einen Monat später statt: Auf dem Hof der Gaststätte Sevenich wurde Konrad Meurer als erster Schützenkönig der Nachkriegszeit ermittelt.
Ein Jahr später, 1952, zog die Bruderschaft an Christi Himmelfahrt mit einem wiederbelebten Trommlercorps zur Kirche. Die neue Fahne, gestaltet von Malermeister Josef Meyer, wurde im Hochamt geweiht. Im Anschluss begaben sich die Schützen zur St. Ursula Straße, wo Franz Römer der Bruderschaft die von ihm gerettete Königskette überreichte. Sein Sohn, der letzte König vor dem Krieg, galt zu diesem Zeitpunkt noch als in Afrika vermisst.
In den 1970er Jahren erfolgten wichtige Modernisierungen: 1975 wurden die Statuten überarbeitet und der Vorstand rechtmäßig gewählt. 1976 wurde die Eintragung ins Vereinsregister beantragt. Eine der bedeutendsten Neuerungen war jedoch die Öffnung der Bruderschaft für Frauen und Mädchen als aktive Mitglieder. Damit entwickelte sich die Gemeinschaft endgültig zu einer Familienbruderschaft.
Die ersten aufgenommenen Frauen waren am 21. Dezember 1975 Sabine Kotsch, Cläre Kramp und Elke Schneiderwind. Bereits 1976 wurde Annemie Leufen erste Schützenprinzessin, 1978 folgte Lydia Frisch als erste Schülerprinzessin, und 1984 wurde mit Ursula Gatzweiler erstmals eine Frau Schützenkönigin.
Alle weiblichen Majestäten tragen die gleiche Königskette wie ihre männlichen Vorgänger. Lediglich die Königin kann alternativ eine leichtere, glattere Kette tragen, die der Bruderschaft von der Familie Heinz Gatzweiler gestiftet wurde.
Bis heute steht die St. Ursula Schützenbruderschaft für gelebte Tradition, Gemeinschaftssinn und die Verbindung von Glauben, Brauchtum und gesellschaftlichem Engagement.
Königskette
Königinnenkette